Prof. Dr. habil. Waldemar Czachur ist Germanist und mit der Universität Warschau verbunden. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Diskursanalyse, dem kollektiven Gedächtnis und der interkulturellen Kommunikation, mit besonderem Fokus auf den deutsch-polnischen Beziehungen. Er ist unter anderem Mitautor der Publikation Wie mit den Deutschen reden? Über Schwierigkeiten im deutsch-polnischen Dialog und seine europäische Herausforderung (mit Kazimierz Wóycicki, 2009) sowie Kreisau | Krzyżowa. 1945 – 1989 – 2019 (mit Gregor Feindt, 2019) und „Nie wieder Krieg“. Der 1. September in der Erinnerungskultur Polens und Deutschlands 1945–1989 (mit Peter Oliver Loew, 2022). Seit vielen Jahren ist er der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung verbunden, wo er unter anderem von 2017 bis 2024 Vorsitzender des Stiftungsrats war. Er ist Kurator der Ausstellung Mut und Versöhnung in Krzyżowa, die die schwierige Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen sowie den Weg zur Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert.
Thema: Der 1. September in der Erinnerungskultur Polens und Deutschlands
Der 1. September 1939 – der Beginn des Zweiten Weltkriegs – ist ein zentrales Bezugsmoment in der Erinnerungskultur Polens und Deutschlands. Obwohl die Kriegserfahrungen ähnliche Formen des Gedenkens nahelegen könnten, zeigte die Praxis deutliche Unterschiede. In Polen symbolisiert der 1. September vor allem das Leid der Opfer und den Heroismus der Nation – die Erinnerung erfüllt hier eine identitätsstiftende und integrierende Funktion. In der DDR wurde dieses Datum in die Erzählung vom „antifaschistischen Friedensstaat“ eingebettet, während es in der Bundesrepublik – nach einer anfänglichen Phase des Schweigens – zu einem Anlass kritischer Reflexion über Schuld und Verantwortung wurde, verbunden mit der Friedensbewegung und dem „Antikriegstag“.
Diese Unterschiede resultierten aus verschiedenen politischen Kontexten, propagandistischen Funktionen und Erinnerungskulturen, was über Jahrzehnte hinweg zu einem besonderen „dreifachen Monolog“ der Erinnerung auf beiden Seiten der Oder führte. Erst nach 1989, mit dem politischen Umbruch und den europäischen Integrationsprozessen, begann sich eine dialogische Erinnerung im Sinne von Aleida Assmann zu entwickeln – basierend auf gegenseitiger Anerkennung von Leid und gemeinsamer Verantwortung. Gemeinsame Gedenkfeiern, Versöhnungsgesten (wie der Besuch von Bundeskanzler Schröder in Danzig 1999 oder die Anwesenheit von Bundeskanzlerin Merkel auf der Westerplatte 2009) sowie die Zusammenarbeit von Erinnerungsinstitutionen zeigen, dass sich der 1. September von einem trennenden Datum zu einem möglichen Fundament einer gemeinsamen deutsch-polnischen Erinnerungskultur in Europa gewandelt hat.
Der Vortrag reflektiert die Ursprünge der unterschiedlichen Erinnerungstraditionen zum
1. September in Polen und Deutschland, beleuchtet deren politische und gesellschaftliche Funktionen und zeigt auf, wie dieses Datum nach 1989 zu einem Raum für Dialog und Versöhnung geworden ist.
19 września 2025, HU, Unter den Linden 6, godz. 18:00, sala 2094
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