Michał Buchowski ist Professor für Anthropologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań sowie Seniorprofessor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Er war unter anderem Stipendiat des British Council an der Universität Cambridge, des Fulbright-Programms an der University of California, des Kościuszko-Programms an der University of Kansas, der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie des Institute for Advanced Studies in Budapest. Darüber hinaus war er Gastprofessor an der Columbia University, der Rutgers University, der Universität Warschau sowie am National Museum of Ethnology in Osaka.
Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Produktion anthropologischen Wissens, die sozialen und kulturellen Aspekte des postssozialistischen Wandels sowie Migration und Xenophobie. Im Jahr 2021 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Zu seinen jüngsten Büchern zählen Czyściec. Antropologia neoliberalnego postsocjalizmu (2017), Twilight Zone Anthropology: Voices from Poland (2019, Hg.) sowie Entologia polska. Genealogie, powiązania i wyzwania (2025). Er ist Autor von zwölf und Mitherausgeber von fünfzehn Büchern sowie Verfasser von mehr als 200 wissenschaftlichen Artikeln und Buchkapiteln.
Nationen und Stereotype: Polnische Schwierigkeiten mit den „Anderen“Der Vortrag widmet sich dem weithin bekannten und vielfach untersuchten Phänomen nationaler Stereotype und ihrer Rolle bei der Wahrnehmung anderer Gruppen. Stereotype vereinfachen und schematisieren die Wirklichkeit, bleiben jedoch zugleich ein Bestandteil sozialer, kultureller und kommunikativer Prozesse. Nach dem Prinzip der Spiegelbildlichkeit und im Modus der sogenannten doppelten Negation – die ungeliebten „Fremden“ verkörpern negative Eigenschaften, die „Uns“ fremd sind – beeinflussen sie sowohl die Vorstellungen von den „Anderen“ oder „Fremden“ als auch das Bild der eigenen Gruppe. Auf diese Weise wird die in symbolischer Sprache konstruierte soziale Welt zu einer Darstellung der Wirklichkeit, während die entsprechenden Vorstellungen wiederum das Handeln beeinflussen. Nationale Stereotype sind somit nicht nur eine Quelle von Vorurteilen und Kommunikationsbarrieren, sondern auch ein interessantes kulturelles Phänomen. Sie ermöglichen es, die Mechanismen der Identitätsbildung und der Wahrnehmung von Unterschieden zwischen Gruppen besser zu verstehen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Verhältnis zwischen Stereotypen, Vorurteilen und den tatsächlichen Erfahrungen im Kontakt mit Angehörigen anderer Nationen oder religiöser Gruppen. Aus dieser Perspektive lassen sich auch die Stereotype und Autostereotype betrachten, die in Polen geteilt werden, die die Menschen dort jedoch zugleich voneinander unterscheiden können. Akteure, die gesellschaftliche Diskurse prägen, greifen häufig auf historisch entstandene und im kollektiven Unterbewusstsein verankerte Stereotype zurück. Unter günstigen Bedingungen aktivieren sie dadurch Vorstellungen von den Anderen, die sich für politische Auseinandersetzungen instrumentalisieren lassen. Bei der Konstruktion stereotyper Bilder der Anderen bemühen sie sich zugleich, an verbreitete Ansichten und Erwartungen der eigenen Wählerschaft anzuknüpfen. Dieser Prozess ist dialektischer Natur und kann zu einer sich selbst verstärkenden Spirale der Feindseligkeit gegenüber immer neuen nationalen Gruppen, Minderheiten, Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten führen.
Wie ethnografische Materialien jedoch zeigen, sind hegemoniale Diskurse und Vorstellungen niemals vollständig binär strukturiert. Die Einstellungen gegenüber den Anderen beziehungsweise Fremden nehmen vielmehr je nach Kontext unterschiedliche Formen an und hängen auch davon ab, wie groß die wahrgenommene kulturelle Nähe zwischen den an einer Interaktion beteiligten Personen ist.